Von “New Work” bis “#Millennialatwork“ –  Was steckt hinter dem Buzzword-Bingo?

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New Work, Life Blending, Management for Millennials… Das Buzzword Bingo in der Kategorie „Arbeitswelt“ wird jede Woche um einige Varianten reicher. Dabei bleibt nicht selten offen, was hinter den Begriffen steckt und ob sich die Ideen, die von Berliner Tech-StartUps gefeiert werden, auch für die Mittelständlerin aus Schwaben eignen.

Eins ist klar: In der Welt ändert sich vieles. Technologien entwickeln sich weiter und einige Arbeitsplätze, die es gestern noch gab, wird es in dieser Form mittel- bis langfristig nicht mehr geben. So wie sich Gesellschaften weiterentwickeln, verändern sich auch Arbeitsplätze. Erfindungen wie die Eisenbahn, das Telefon und das Internet haben schon früher Arbeitsformen beeinflusst. Beschäftigte und Unternehmen mussten sich schon immer an neue Technologien anpassen. Die Vorbereitung auf den technologischen Wandel ist eine zentrale Aufgabe der strategischen Unternehmensleitung.

Unter dem Schlagwort „New Work“ wird zur Zeit nahezu alles diskutiert, was entfernt mit zukunftsorientierter Arbeitsgestaltung zu tun hat. Den professionellen Workshop-Anbietern geht es dabei natürlich nie um die Veränderung des Wirtschaftssystems, die noch dem Vater des Konzeptes vorschwebte [1]. Stattdessen geht es um Themen wie flexible Arbeitsformen, digitale Kommunikation, innovativ eingerichtete Pausenräume und nach Funktionen unterteilte Büroflächen. Auf einer beliebten Internetseite zum Thema stehen Musiker, die davon schwärmen kollaborativ zu arbeiten, neben aus Thailand arbeitenden Modedesignern. Eine „#Millennialatwork“, die für eine lifestyle-Zeitschrift arbeitet, antwortet auf die Frage „Was bedeutet Arbeit für dich?“ mit „Ein Wort?… Purpose.“. Das alles klingt zum aktuellen Zeitgeist passend und irgendwie New [2].

Aber was macht New Work aus? Welche Themen sind kennzeichnend für New Work? Ist es New Work, wenn der Gründer eines StartUps in einem Stand-up-Meeting seinen Beschäftigten diktiert, sie mögen doch freiwillig länger arbeiten, damit man einen neuen Investor findet? Oder ist es doch eher New Work, wenn ein Handwerksbetrieb Auszubildende dabei unterstützt, persönliche Krisen mit flexiblen Auszeiten zu bewältigen? Wo steht der „purpose“ mehr im Vordergrund: Beim „launchen“ einer lifestyle-Plattform oder wenn eine Fahrradmechanikerin am geliebten Zweirad ihres Kunden herumwerkelt?

Wirklich Neues sucht man bei New Work-Fans vergeblich. Als Robert Owen aus seinem Unternehmen ein Experiment für menschlichere Arbeits- und Lebensbedingungen gemacht, und so die Zufriedenheit und die Produktivität gesteigert hat, hatte Napoleon gerade weite Teile Italiens erobert [3]. Dass das Erleben von Sinnhaftigkeit eine wichtige Rolle spielt, ist ebenfalls kein neuer Gedanke. Schon einer der ersten Sozialpsychologen, Kurt Lewin, hat in den 1920ern betont, dass Arbeit sinnstiftend sein kann und Arbeitsaufgaben einen „Lebenswert“ erfüllen sollten [4]. In der Praxis erleben leider gerade im sozialen Bereich arbeitende, dass auch die sinnvollste Arbeit nicht immer der Schlüssel zum Glück ist. Unter widrigen Bedingungen können die sinnhaftesten Tätigkeiten krankmachen. So ist der Burnout vorrangig ein Problem sozialer Aufgabenbereiche wie Alten- und Krankenpflege. Sinnhaftigkeit ist nicht auf Abruf verfügbar und kann bei der Arbeit auch nicht alles kompensieren.

Aber gerade deshalb gilt: Einige ganz konkrete Merkmale gesunder Arbeit (die neben vielem anderen unter „New Work“ diskutiert werden) sind zeitlos wichtig. Dies gilt etwa für die Passung von Fähigkeiten und Aufgabenspektrum, ausreichende Bearbeitungszeiten, eine angemessene Arbeitsumgebung und gute KollegInnenbeziehungen.

Statt mit Buzzwords Personalverantwortliche zu verunsichern, sollte es daher um das Wesentliche gehen. Nämlich darum, die richtigen Ansätze zu finden, um die Arbeitsbedingungen in ihrer Gesamtheit zu verbessern. Dafür braucht es kein Silicon-Valley-Wörterbuch sondern einen Überblick über die Bedürfnisse der Beschäftigten und die Situation in der Organisation. Das für sich genommen ist schon eine anspruchsvolle Aufgabe. Das deutsche Recht ist hier übrigens schon recht weit. Es wirft zwar nicht mit attraktiven Begriffen um sich, schreibt aber mit der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen die systematische Verbesserung von Arbeitsbedingungen vor, wissend, dass davon auch die Unternehmen profitieren.

Gut wenn Modewörter dabei helfen, sinnvolle Ziele stärker ins Bewusstsein zu rufen. Übermäßig beeindrucken lassen muss sich davon aber niemand!

Felix Klapprott ist Psychologe (M.Sc.) am EO Institut. Seine Schwerpunkte liegen in den Bereichen der Auswirkungen des technologischen Wandels auf die Arbeitswelt und Organisationsentwicklung.

[1] Alternatives Arbeitssystem – ‘20 Stunden Arbeit sind genug’ (2013) Interview von Manuela Knapp-Lillich mit Frithjof Bergmann. Available at: http://www.taz.de/!5076184/ (Accessed: 23 January 2018).

[2] Humans of new work. Available at: www.humansofnewwork.com (Accessed: 23 January 2018).

[3] Douglas F. Dowd. “Robert Owen”. Encyclopædia Britannica (Online academic ed.). Encyclopædia Britannica Inc. Retrieved 23 January 2018.

[4] Lewin, K. (1920): Die Sozialisierung des Taylorsystems. Eine grundsätzliche Untersuchung zur Arbeits- und Berufspsychologie. Berlin: Verlag Gesellschaft und Erziehung. In: Korsch, Karl (Hrsg.) Praktischer Sozialismus, Nr. 4

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